Firmen setzen auf Tiktok statt klassischer Werbung. Zwei Schweizer Influencer mischen mit Käse und Kosmetika ganz vorn mit. Über ein Geschäft «ohne Limit nach oben».
Fotos: Raphael Moser

Oluyomi Scherrer ist gelernter Koch aus Bern und seit drei Jahren Tiktok-Star: In seinen Videos bereitet er einfache Gerichte zu, oft mit viel Käse, oft frittiert, immer mit einem alten iPad als Schneidunterlage.
Er scheint damit einen Nerv zu treffen, denn seine Videos werden von bis zu 90 Millionen Menschen gesehen. Seit drei Jahren kann Scherrer von den Einnahmen leben, die er auf verschiedenen Social-Media-Plattformen generiert.
Oluyomi Scherrer ist einer der erfolgreichsten Schweizer Influencer. Seinem Account @thispronto folgen auf Tiktok 15,5 Millionen Menschen, er gehört damit zu den drei Schweizer Tiktok-Kanälen mit den meisten Followers.

In den Top 3 ist auch Noemi Nikita, mit 13,3 Millionen Followers auf Tiktok. Auf @noeminikita teilt sie vor allem Schminkanleitungen. Nikita begann als 13-Jährige, täglich Videos zu posten auf der Vorgänger-App von Tiktok, musical.ly. Heute können Nikita und ihr Freund davon leben: «Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, von seinem Hobby leben zu können.»
Wie viele Menschen in der Schweiz ihren Lebensunterhalt mithilfe von Tiktok bestreiten, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Genutzt haben Tiktok letztes Jahr in der Schweiz rund 3,1 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Instagram hat in der Schweiz 4,1 Millionen Nutzer, Facebook 5,7 Millionen. Im Gegensatz zu Facebook sind jedoch die Nutzerzahlen von Tiktok steigend.
«Kein Limit nach oben»: Das Businessmodell der Tiktok-Influencer
Oluyomi Scherrer bekommt Geld dafür, in seinen Videos gewisse Lebensmittelprodukte zu verwenden. Er arbeitet vor allem mit Unternehmen im deutschsprachigen Raum zusammen: Neben @thispronto führt Scherrer einen weiteren Account, @drpronto, auf dem er nur ein deutschsprachiges Publikum bespielt. Deswegen bereitet das drohende Tiktok-Verbot in den USA Scherrer auch keine Sorgen.
Für «Brands», wie Scherrer sie nennt, sei die Zusammenarbeit mit «content creators» auf Tiktok attraktiver als konventionelle Werbung. Er vermarktet nicht nur Lebensmittelmarken wie Ovomaltine und Caprisonne, sondern posierte für ein Video auch schon vor einem Plakat der Luxusmarke MCM, auf dem er selbst zu sehen ist.
Wie viel sie genau verdienen, das wollen weder Scherrer noch Nikita preisgeben. Doch Scherrer macht eine Einordnung: Ein «content creator», der auf Tiktok Produkte eines Unternehmens platziere, könne dafür pro Video zwischen 3000 und 20’000 Franken verlangen. Mindestens. «Wenn ein ‹content creator› eine perfekte Zielgruppe erreicht für die Marke, gibt es kein Limit nach oben», so Scherrer.
Zu Noemi Nikitas Kunden zählen Kosmetikhersteller wie Maybelline, L’Oréal und Nivea; sie arbeitete aber auch schon mit Ricola und Sunrise zusammen. Diese Schweizer Unternehmen wollen präsent sein auf Tiktok, obschon die Plattform den Ruf hat, nur Teenies anzusprechen. «Heute geht es für die Unternehmer nicht mehr darum, ob sie auf Tiktok sind, sondern nur noch, wie sie es genau machen», sagt Siria Berli. Sie ist Co-Gründerin der Tiktok-Agentur Equipe.
«Es sind nicht mehr nur ganz junge Leute auf Tiktok», weiss Berli, und sie rechnet vor: Von den 25- bis 34-Jährigen in der Schweiz sind bereits 26 Prozent auf Tiktok, und von den 35- bis 44-Jährigen 16 Prozent. Zudem gehe es für die Unternehmen auch um ein «Investment» in die Zukunft und darum, dass ihre Marke «at the top of mind» der jungen Leute sei, an erster Stelle im Kopf also, sagt Berli im Marketingjargon.
Dafür setzen Unternehmen in der Schweiz nicht nur auf sogenannte «User-Kooperationen», mit denen Influencer wie Oluyomi Scherrer und Noemi Nikita ihr Geld verdienen, sondern auch auf eigene Accounts. Deshalb bieten Siria Berli und ihr Team Social-Media-Schulungen an oder betreuen gleich den gesamten Social-Media-Auftritt eines Unternehmens.
Unterstützung durch die Tiktok-Agentur
Equipe arbeitet für Unternehmen wie die Swiss, die Supermarktkette Spar und die Automarke Cupra. «Unternehmen kommen auf uns zu, weil sie nicht wissen, was auf Tiktok funktioniert», erklärt Siria Berli. Bevor sie beginnen, Inhalte zu produzieren, vereinbaren die Mitarbeiter von Equipe mit den Firmen klare Ziele. «Die meisten Unternehmen wollen über Tiktok Markenpräsenz schaffen», so Berli. Andere nutzen die Plattform, um neue Angestellte zu rekrutieren.
Tiktok ist deshalb speziell, weil auf der Plattform im Gegensatz zu anderen sozialen Medien die Regel «content first» gilt, der Inhalt ist prioritär. Das bedeutet: Videos werden nicht nur den Followers angezeigt, sondern ganz unterschiedlichen Usern. Je länger das Video durchschnittlich angeschaut wird, desto mehr Nutzerinnen und Nutzern wird es gezeigt.
Dank Tiktok zur Selbstständigkeit
Deswegen ist Tiktok auch eine geeignete Plattform für Klein- und Kleinstunternehmen, die ihr Business vermarkten wollen. Larissa Kaiser und Linda Bärtschiger beispielsweise – sie sind die Gründerinnen des Zürcher Schmucklabels ruru. studios – haben auf Tiktok nur 5104 Followers. Ihre Posts erreichen jedoch bis zu 1,1 Millionen Views.
Um ihre Reichweite auf Tiktok und Instagram zu erhöhen und neue Kundinnen zu gewinnen, geben Kaiser und Bärtschiger pro Monat Beträge in einem niedrigen fünfstelligen Bereich aus. Manchmal setzen sie auch auf «user generated content»: Das bedeutet, dass Privatpersonen für ruru. studios ein Werbevideo aufnehmen.
«Klassische Werbung können sich ‹small brands› wie wir nicht leisten», erklärt Larissa Kaiser. Social Media bietet diesbezüglich diverse Vorteile: Werbetreibende können schon mit kleinen Beiträgen einsteigen, Rückschlüsse ziehen auf Neukunden und Verkäufe und ihr Zielpublikum eingrenzen. Letzteres geht so weit, dass Unternehmen auswählen können, dass beworbene Posts etwa nur jungen Singlefrauen angezeigt werden oder Personen, die gerade auf der Suche nach einem Geschenk sind.
Social Media mache es jungen Personen wie ihnen überhaupt erst möglich, sich selbstständig zu machen, glauben die Gründerinnen von ruru. studios. «Wenn ein Video auf Tiktok richtig gut ankommt, kann es über Nacht viral gehen und einer Marke enorme Bekanntheit verschaffen oder sogar einen Hype auslösen – und das ganz ohne Werbeausgaben», so Linda Bärtschiger.

Im Moment sieht es nicht danach aus, als könnten Sicherheitsbedenken auch in der Schweiz eine Diskussion um ein Tiktok-Verbot auslösen. Und wenn: «Social Media ist so schnelllebig, es setzt sich immer wieder etwas Neues durch», sagt Rezept-Influencer Oluyomi Scherrer. «Die Karriere eines ‹content creators› ist nicht beendet, wenn es eine App nicht mehr gibt.»