In ihrem Studio im Zürcher Kreis 4 bringt Regula Perschak «Tooth Gems» an – ein Trend aus den 2000er-Jahren, der ein Comeback feiert.
Fotos: Urs Jaudas, The Clean Candy Club

«Wenn ich darüber nachdenke, wie vielen Menschen ich schon in den Mund gelangt habe, muss ich lachen», sagt die 31-jährige Regula Perschak. Perschak ist weder Zahnärztin noch Dentalhygienikerin, sondern bringt seit vier Jahren Tooth Gems an: winzige Schmucksteinchen an den Zähnen.
Perschak betreibt The Clean Candy Club (tCCC), eines der Handvoll Studios in Zürich, die sich auf das Einsetzen von Tooth Gems spezialisiert hat. Daneben bieten auch einzelne Zahnarztpraxen schlichten Zahnschmuck an. Perschak teilt sich die Räumlichkeiten in der Nähe des Stauffachers mit einem feministischen Nagelstudio: In ihrer Studiohälfte stehen eine Massageliege, ein runder Glastisch und Designerstühle mit Leopardenprint. Zwei Gebissmodelle mit aufgeklebten, farbigen Zahnkristallen zeigen mögliche Designs.
Zur Kundschaft im Candy Club – wie Regula Perschak das Studio nennt – gehören überwiegend Frauen zwischen 20 und 25. Männliche Kunden hat Perschak selten. An diesem Freitagnachmittag hat unter anderem ihre Freundin Salome einen Termin gebucht.

Salome hat auf dem Instagram-Account von The Clean Candy Club Bilder ausgesucht von Zahnsteinchen-Designs, die ihr gefallen. «Aber du darfst dich auch ein bisschen ausleben», sagt sie zu Perschak. Gemeinsam schauen sie Dutzende winzige Dosen mit runden, länglichen, herz- oder sternförmigen Steinchen in den unterschiedlichsten Farben durch. Es handelt sich um Swarowski-Steine aus Glaskristall, das sei der Standard für Tooth Gems, sagt Perschak. Spezielle Steinchen aus Gold – etwa ein Pikass oder ein Playboy-Hase – bestellt sie nur auf expliziten Wunsch einer Kundin.
Als Salome sich für einen gelben Kristall entscheidet, reagiert Perschak begeistert. «Die meisten wählen kein Gelb oder Grün, weil sie befürchten, es sehe aus wie Essensresten», sagt sie. Neben dem runden gelben Stein auf einem rechten unteren Eckzahn entscheidet sich Salome für drei weitere Steinchen auf den oberen Eckzähnen, darunter ein roter Rhombus. Auf der Zeichnung eines Gebisses schiebt Perschak die Steinchen mit einer Pinzette sorgfältig zurecht, bis Salome mit der Anordnung zufrieden ist.

Perschak legt ihre silbernen Fingerringe ab und zieht schwarze Gummihandschuhe und eine Stirnlampe an. Als Erstes trägt sie eine säurehaltige Lösung auf Salomes Zahn auf, um die Zahnoberfläche minimal aufzurauen. Es ist dasselbe Material, das auch Kieferorthopäden beim Anbringen von Zahnspangen verwenden – und das dafür sorgt, dass der Kleber besser haftet, den Perschak anschliessend aufträgt.
Sie platziert die Steinchen, Salome nuschelt «noch ein bisschen weiter nach oben», und dann härtet Perschak den Kleber mit einer kleinen UV-Lampe aus. Als Salome das Resultat im Spiegel anschaut, sagt sie: «Oh mein Gott, ich liebe es!» – und gleich darauf: «Mein Mami wird es hassen.»

Ungefähr 20 Minuten hat die Prozedur gedauert. Schmerzhaft war es nicht, sagt Salome – es habe sich angefühlt wie damals, als sie eine Zahnspange bekam. Die Technik sei tatsächlich ähnlich, sagt Perschak. Und sie betont: «Ich bohre nicht in den Zahn rein.»
Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) bestätigt auf Anfrage, dass sich Tooth Gems dank des speziellen Leims leicht wieder entfernen lassen: «Diese Art von Zahnschmuck gilt als harmlos, solange die Träger ihn fachgerecht anbringen lassen, die Zähne gut pflegen und sie regelmässig ihrer Zahnärztin oder ihrem Zahnarzt zeigen.» Damit die Steinchen nicht zu Plaque- oder Bakterienfängern werden, rät Perschak ihren Kundinnen, sie beim Zähneputzen auf keinen Fall auszulassen.
Tooth Gems im Abendkurs
Fasziniert von Zahnschmuck war Regula Perschak schon früh: «Meine älteren Cousinen hatten Tooth Gems, aber ich durfte als Kind keine haben.» 2021 entdeckte sie die Zahnsteinchen wieder: Auf dem Instagram-Account einer US-Amerikanerin namens «toothcharm». Damals absolvierte sie ihr Bachelorstudium in Grafikdesign an der Kunsthochschule KASK in Gent in Belgien.
Die ausgefallenen Designs, die sie auf Social Media sah, inspirierten Regula Perschak, einen Abendkurs zu besuchen: Sie lernte, Tooth Gems anzubringen, experimentierte an sich selbst sowie an Freunden und eröffnete kurze Zeit später in Gent The Clean Candy Club.
Seit drei Jahren ist sie zurück in Zürich und hat hier ein zweites Studio eröffnet, das erste in Gent führt eine Freundin von ihr weiter. Sie habe von Anfang an befürchtet, der Trend sei bald wieder vorüber, sagt Perschak. Doch die Nachfrage nach Tooth Gems ist hoch geblieben. Wenn der Candy Club neue Termine auf die Website lädt, sind sie in kürzester Zeit ausgebucht.
Perschak hat mittlerweile sogar zwei Mitarbeiterinnen. Sie selber arbeitet ein bis zwei Tage pro Woche im Candy Club und daneben 60 Prozent bei Freitag. Sie mag die Abwechslung. «Mit den Tooth Gems machen wir so lange weiter, wie die Leute Lust haben», sagt Perschak. Sie selbst freue sich immer noch jedes Mal, wenn eine Kundin lächelnd aus dem Studio rausgeht.
Genauso wie Salome. Sie hat für ihre vier Steinchen 120 Franken bezahlt. Der erste runde Kristall kostet 80 Franken, jeder weitere 20; geformte Kristalle sind teurer, bei grösseren Sets gibt es dafür Rabatt. Nach sechs bis zwölf Monaten fallen die Steinchen in der Regel von selber ab, die meisten verschlucken sie. Das sei kein Problem, sagt Perschak: «Die Steinchen sind schliesslich nicht giftig.»