Vom Fahr­lehrer zum Primar­lehrer: Warum Fabrizio Pollice seinen Beruf aufgibt

Er liebt das Autofahren, dennoch lässt sich Fabrizio Pollice umschulen. Damit ist er nicht allein: Viele Fahrlehrer steigen aus – vor allem in den Städten.

Foto: Moritz Hager

Fabrizio Pollice ist Fahrlehrer und liebt das Autofahren: «Am liebsten würde ich nie mehr etwas anderes machen als Fahrstunden geben.» Trotzdem plant er, sich umschulen zu lassen, und zwar zum Primarlehrer. 

Der Grund dafür: Die Situation in der Fahrlehrerbranche ist Pollice zu unsicher. In Zürich ist die Nachfrage nach Fahrstunden in den letzten fünf Jahren eingebrochen, wie der Zürcher Fahrlehrerverband bestätigt. «Von Schülerzahlen, wie wir sie noch 2018 und 2019 hatten, träumt heute jeder Fahrlehrer», heisst es seitens des Fahrlehrerverbands Bern.

In vorwiegend ländlichen Kantonen ist der Bedarf nach Fahrstunden beständiger; das Interesse der jungen Leute, die Fahrprüfung früh abzulegen, ist tendenziell höher als in der Stadt. Doch: «Auch bei uns gibt es Löcher», sagt Bruno Schlegel, Präsident des Fahrlehrerverbands Graubünden: «Wir können die Schülerzahl weniger gut voraussehen.»

Weniger Fahrstunden nötig

Grund dafür sind zwei Gesetzesänderungen: Erstens dürfen seit 2019 Fahrschülerinnen und Fahrschüler, die ihre Prüfung im Automaten ablegen, danach trotzdem geschaltete Fahrzeuge fahren. Prüflinge, die nur noch automatisch fahren lernen, benötigen aber im Schnitt sechs bis zehn Lektionen weniger.

Zweitens können die Strassenverkehrsämter seit 2021 bereits 17-Jährigen einen Lernfahrausweis ausstellen; für alle zwischen 17 und 20 gilt seither aber eine Wartefrist von mindestens zwölf Monaten bis zur Fahrprüfung. Das erhöhe nicht etwa die Nachfrage, so Fahrlehrer Fabrizio Pollice, sondern: Die jungen Leute üben monatelang nur mit den Eltern und drücken kurz vor Ablauf der Frist noch ein paar Fahrstunden rein. 

Ob es grundsätzlich weniger junge Menschen gibt, die den Führerschein machen wollen, ist derzeit schwer zu sagen. Vor der Pandemie absolvierten jährlich zwischen 83’000 und 88’000 Personen die Fahrprüfung. Das Jahr 2021 war ein Rekordjahr: Viele nutzten das Coronajahr 2020, um Fahrstunden zu nehmen, und legten dann die Prüfung ab. 

Im Jahr 2023 hingegen sank die Zahl der Fahrprüfungen auf 75’712. Ob dieser Rückgang anhält, bleibt abzuwarten. Klärung wird die Führerausweisstatistik für das Jahr 2024 bringen, die das Bundesamt für Strassen (Astra) im März veröffentlicht.

Die Nachfrage nach Fahrstunden mag schwankend sein, die Zahl der Fahrlehrer ist seit rund 15 Jahren aber stetig steigend: Bei den gemeldeten Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern für die Fahrzeugkategorie B kam es seit 2011 zu einem Anstieg von 3500 auf knapp 3900. Das liege auch daran, dass die Fahrlehrerschulen den Zugang zur Fahrlehrerausbildung zunehmend erleichterten, sagt etwa Bülent Pekerman vom Verband Swissdrive Basel.

Michael Gehrken bestätigt, dass die Branche im Umbruch ist. Der Präsident von L-Drive, dem Dachverband der Fahrlehrerorganisationen in der Schweiz, ist aber auch um eine Relativierung bemüht: «Zu kämpfen haben besonders die Fahrlehrer in den grossen Ballungszentren.»

In Zürich zum Beispiel ist ein Sechstel aller Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer schweizweit tätig, nämlich 664. Auch Swissdrive Basel-Präsident Bülent Pekerman spricht von einem «Überangebot»: «Seit der Pandemie beobachten wir in Basel eine bemerkenswerte Zunahme neuer Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer.» Und Nino Martone von L-Drive im Kanton Bern erzählt: In den Städten Bern, Thun und Biel sei der Markt im Gegensatz zu den umliegenden Gemeinden übersättigt und die Preise weit tiefer.

Dumpingpreise in den Städten

«Wo zu viele Anbieter sind, kommt es zum Preiskampf, das ist in jeder Branche so», sagt Fahrlehrer Fabrizio Pollice. Einzelne Fahrschulen in der Stadt Zürich bieten Lektionen zu Preisen ab 55 Franken. Für Pollice ist das unverständlich: «Dass das nicht aufgehen kann, ist eine einfache Milchbüechli-Rechnung.» Als Fahrlehrer habe er hohe Fixkosten, zum Beispiel für Benzin, Versicherungsbeiträge oder die Instandhaltung des Autos. Deshalb kostet eine Fahrstunde bei Fabrizio Pollice 100 Franken.

Bei genauerem Hinsehen wird klar: Längerfristig kann keine der Fahrschulen in Zürich die tiefen Preise halten. Oft sind nur die ersten circa fünf Fahrstunden so günstig, danach pendelt sich der durchschnittliche Preis pro Lektion bei allen Anbietern zwischen 80 und 100 Franken ein. Die Fahrschulen wollen mit solchen Werbeaktionen Neukunden gewinnen, der Wettbewerb hat sich intensiviert.

Die Zürcher Fahrlehrer berichten von Kolleginnen und Kollegen, die aufgehört oder sich ein zweites Standbein aufgebaut haben – als Hauswart, Velomech oder Masseur etwa. Andere sind in kleinen Pensen zurückgekehrt zu ihren vorherigen Jobs oder wagen etwas Neues, wie Fabrizio Pollice. Er arbeitet bereits zweieinhalb Tage als Klassenassistenz in einer Sekundarschule im Zürcher Unterland, die restliche Zeit ist er weiterhin als Fahrlehrer tätig.

Verkommt der Fahrlehrerberuf zum Nebenjob?

«Gerade in den Städten gibt es zunehmend Fahrlehrer, die diesen Job als Nebenerwerb sehen, den sie am Abend und samstags ausüben können», sagt Gehrken von L-Drive Schweiz. Doch darunter leide teilweise die Qualität der Fahrstunden: «Für die Branche ist das nicht förderlich.» 

Unzufriedenheit herrscht in der Fahrlehrerbranche auch aufgrund der abnehmenden Qualität des Theorieunterrichts. «Früher hatte jeder Fahrlehrer ein eigenes Theorielokal», sagt eine erfahrene Fahrlehrerin, die anonym bleiben möchte: «Die Fahrlehrer unterrichteten Theorie und Praxis, das ging Hand in Hand.» 

Fragen der Theorieprüfung an Lizenznehmer weiter; heute ermöglicht das Neulenkern, die Fragen mithilfe von Apps auswendig zu lernen. «Die Jungen wollen nur noch durch die Prüfung kommen», tönt es von allen Seiten. Das gelte für die Theorie- wie die praktische Fahrprüfung.

Pollice: «Ich kann es mir nicht leisten, abzuwarten»

Fabrizio Pollice schliesst nicht aus, dass sich die Situation auf dem Fahrlehrermarkt wieder einpendelt. Und er betont, dass er nicht jammern möchte. Im Moment laufe es mit seiner Fahrschule nämlich gut: «Es scheint noch Fahrschüler zu geben, die bereit sind, 100 Franken zu zahlen für guten Unterricht», so Pollice.

Aber Pollice ist sich nicht sicher, wie lange das noch so sein wird und ob das Astra nicht weitere Gesetzesänderungen zur «Optimierung der Aus- und Weiterbildung von Fahrzeuglenkenden» plant. Mit dem eingeleiteten Jobwechsel hin zum Primarlehrer will Pollice frühzeitig reagieren: «Ich habe zwei kleine Kinder zu Hause, ich kann es mir nicht leisten, abzuwarten.»