Arbeitnehmende unter 26: «Im Hort denken sie oft, dass ich noch in der Lehre sei»

Die 18- bis 25-Jährigen fühlen sich am Arbeitsplatz nicht ernst genommen. Sexismus, Überforderung – aber auch Freude und Freiheiten: Vier junge Berufstätige teilen ihre Erfahrungen.

Fotos: Privat

70 Prozent der 18- bis 25-Jährigen haben am Arbeitsplatz bereits Altersdiskriminierung erlebt; 96 Prozent davon, weil sie nicht ernst genommen wurden: Es sind alarmierende Zahlen, die das Institut Sotomo im diesjährigen Generationenbarometer publizierte.

Werden junge Kollegen und Kolleginnen so schlecht aufgenommen in ihren Teams? Haben sie gegen die hartnäckigen Vorurteile zu kämpfen, die Gen Z sei faul? Wir haben bei vier jungen Arbeitnehmenden nachgefragt, wie wohl sie sich bei ihrer Arbeit fühlen.

Sie berichten davon, wie sie sich im Team zurechtfinden mussten, von Sexismus-Erfahrungen und von anfänglicher Überforderung. Aber sie berichten auch von Freude an ihrem Beruf, über Freiheiten, über den Austausch auf Augenhöhe.

Yanik Mühlebach, Zimmermann aus Sursee (19): «Man fühlt sich manchmal wie eine Nummer»

Meinen Beruf als Zimmermann mag ich, die Baubranche weniger. Ich arbeite gerne körperlich, bin gerne draussen, und die Verarbeitung von Holz fasziniert mich. Aber es stört mich, dass alles immer möglichst schnell gehen muss. Man fühlt sich manchmal wie eine Nummer.

Ich wünschte mir auch, mein berufliches Umfeld wäre etwas offener und diverser. Es gibt kaum Frauen auf dem Bau, fast alle sind Schweizer.

Nach meinem Lehrabschluss im Sommer 2026 möchte ich einen anderen Weg einschlagen. Vielleicht mache ich die Berufsmatur und trete ein Studium im Bereich Gesundheit an. Ich spiele intensiv Ultimate Frisbee, deshalb interessieren mich der Körper und Ernährung.

Als Lernender im ersten Lehrjahr war ich in der Rangordnung ganz unten und musste alle Scheissaufgaben machen. Die Baubranche ist «Anfänger-unfreundlich»: Die meisten haben weder Zeit noch Lust, den Jüngeren etwas zu erklären. Und der Lehrmeister ist sowieso im Büro.

Jetzt, wo ich im dritten Lehrjahr bin, habe ich mehr Fähigkeiten und werde schon etwas ernster genommen. Um etwas zu lernen, musste ich oft selber auf die Leute zugehen.

Im Winter arbeite ich 8,5 und im Sommer 9 Stunden. Die Freizeit kommt manchmal etwas zu kurz. Aber ich gehöre zu den jungen Menschen, die Lust haben, zu arbeiten. 

Ich kenne schon andere in meinem Alter, die weniger motiviert sind im Berufsleben. Heute ist die Arbeit nicht mehr der Lebensmittelpunkt. Einige ältere Mitarbeitende haben ihr soziales Umfeld hier: Am freien Tag kommen sie trotzdem auf die Baustelle und bringen Znüni mit.

Tamara Genecand, Köchin aus Bern (25): «Nicht ernst genommen gefühlt habe ich mich schon oft – weil ich eine Frau bin»

Seit Oktober 2023 arbeite ich im Klötzlikeller in Bern als Küchenchefin. Mit 23 schon Küchenchefin zu werden, ist eher speziell. Aber ich finde es cool, dass meine Vorgesetzten mir die Chance gegeben haben, so viel Verantwortung zu übernehmen.

Als Küchenchefin kann ich mir selber ausdenken, was auf die Karte kommt, ich mache die Bestellungen und bin verantwortlich für alle Abläufe in der Küche. Das gefällt mir sehr.

Nicht ernst genommen gefühlt habe ich mich schon oft – aber nicht aufgrund meines Alters, sondern weil ich eine Frau bin. Ich musste mir Sprüche anhören, wurde respektlos behandelt und sogar schon begrapscht. 

Das hält mich aber nicht davon ab, weiterzumachen. Ich möchte mich als Köchin weiterentwickeln und habe definitiv noch nicht ausgelernt.

Dass ich als junge Erwachsene noch viel Energie habe, ist ein Vorteil. Die Tage in der Küche starten früh und sind lang, es ist ein anstrengender Beruf. 

Ich glaube nicht, dass die Jungen weniger motiviert sind, zu arbeiten. Vielleicht möchte unsere Generation das Leben nicht erst nach der Pensionierung geniessen können. Diesen Wunsch nach mehr Freizeit kann ich nachvollziehen. 

In meiner jetzigen Stelle habe ich zum Glück viele Freiheiten: Wenn ich am Mittag noch etwas unternehmen möchte, kann ich manchmal am Morgen alles für den Abend vorbereiten. Das geht natürlich nur, weil der Klötzlikeller nicht jeden Tag mittags geöffnet ist. 

Ben Landau, Fachperson Kinderbetreuung aus Zürich (20): «Nicht nur Lohnarbeit sollte als Arbeit zählen»

Als ich vor drei Jahren meine Lehre in einer Kita abgeschlossen hatte, wollte ich möglichst schnell weg. Zu Beginn der Lehre war ich selber gerade 15 geworden und musste mich plötzlich allein um Babys kümmern. Dass ich – weil es zu wenig Personal hatte – zum Teil allein die Verantwortung trug für so kleine Kinder, überforderte mich. 

Deshalb brauchte ich nach der Lehre eine Pause: Während eineinhalb Jahren arbeitete ich in Gelegenheitsjobs, zum Beispiel an der Bar. Ich musste mich immer nach Arbeitsmöglichkeiten umschauen.

Heute arbeite ich in einem Hort mit genug Personal und fixen Arbeitszeiten. Das schätze ich sehr. Wenn ich nach Hause gehe, ist die Arbeit fertig.

Im Hort denken Vertretungen oft, dass ich noch in der Lehre sei. Das ist belastend, da ich als fest angestellte Fachkraft eine grosse Verantwortung im Hortalltag trage. Aber meine Teammitglieder begegnen mir auf Augenhöhe und schätzen meine Inputs. 

Momentan arbeite ich nur 65 Prozent. Ich finde, nicht nur Lohnarbeit sollte als Arbeit zählen. In meiner Freizeit kümmere ich mich um den Haushalt, pflege soziale Kontakte und engagiere mich in der Pfadi. 

Dass es mir möglich ist, auch Freiwilligenarbeit zu leisten, ist ein Privileg. In meiner Lehrklasse gab es Schülerinnen und Schüler, die zu Hause die Hälfte des Lohns abgeben mussten, damit die Eltern die Miete bezahlen konnten.

Die Diskussion, ob junge Leute weniger motiviert sind bei der Arbeit, finde ich repetitiv und anstrengend. Viele Leute in meinem Umfeld sehen in den Aufgaben bei ihren Jobs wenig Sinnhaftigkeit. 

Bei mir ist das anders: Wenn die Kinder sich weiterentwickeln, sehe ich ganz direkt, wofür ich arbeite. Deshalb möchte ich künftig weiterhin in der Kinderbetreuung arbeiten, vielleicht auch mit Jugendlichen.

Yael Kuster, Mitarbeiterin Kundendienst aus Aarau (21): «Die ältere Generation weiss, dass es uns Junge braucht»

Meine Lehre habe ich im Detailhandel gemacht, danach habe ich die Handelsschule abgeschlossen und arbeite mittlerweile in einem grossen ÖV-Unternehmen im Kundendienst. Ich beantworte per Mail Anfragen von Kundinnen und Kunden, meistens sind es Beschwerden.

Im schriftlichen Kontakt mit den Leuten fällt es mir einfacher, die Kritik nicht persönlich zu nehmen. Vorher, als ich noch am Schalter war, begegneten mir die Leute manchmal sehr frech. 

In meinem Team fühlte ich mich aber von Beginn weg ernst genommen. In unserem Unternehmen weiss die ältere Generation, dass es uns Junge braucht, und sie schätzen es, ihr Wissen weiterzugeben. Ich finde es wichtig, dass alle im Team ihre Meinung äussern können, wenn zum Beispiel gewisse Abläufe angepasst werden.

In der Lehre war das noch nicht so. Da musste ich machen, was der Chef sagt. Aber das ist normal, und mir war dabei nie unwohl. 

An meinem Job schätze ich auch, dass Homeoffice möglich ist und dass ich auch mal schon um 16 Uhr Feierabend machen kann, wenn alles erledigt ist. Ich weiss, dass solche Freiheiten anderen in meiner Generation ebenfalls wichtig sind. 

Künftig würde ich gerne als HR-Assistentin arbeiten, dafür mache ich eine berufsbegleitende Weiterbildung. Fragen rund um Löhne, Sozialversicherungen und Arbeitsrecht interessieren mich.